skip to Main Content

Entschuldigung

Unbekannte Nummer und nur ein Wort: Entschuldigung. Das erste was ich Sonntagmorgen auf meinem Handydisplay sehe. Beim Nachdenken erschlägt mich die schiere Masse an Menschen, von denen ich denke, sie schulden mir eine Entschuldigung. Aber von einer unbekannten Nummer? Eher unwahrscheinlich, dass Julia oder Martin sich nochmal aufraffen und ein paar Dinge gerade biegen. Meine Mutter und Schwester könnten sich Tag und Nacht immer nur bei mir entschuldigen, deren Nummern kenne ich aber.

Mir fällt niemand ein, dessen Nummer mir unbekannt ist, also schreibe ich zurück.

„Wer ist denn da?“

Ein paar Stunden später die erhoffte Antwort. Clemens. Ich tippe gerade meine Antwort ein, für was er sich denn entschuldigen möchte, da klingelt mein Handy. Unbekannte Nummer ruft an. Schätze mal, dass es sich um den gleichen Menschen hinter beiden Nummern handelt.

Clemens ist ziemlich charmant. Einer, der sich wahrscheinlich einen Kredit nach dem nächsten erschleichen könnte, oder damit durchkommen würde Anleger um ihr Vermögen zu bringen, weil er einfach aussieht wie der perfekte Schwiegersohn.

Was ihm denn genau nun leidtut, frage ich ihn. Na, der Doppeldate-Abend und sein Verlauf. Es war ja ziemlich merkwürdig, gerade am Ende. Außerdem hatten wir ja keine Sekunde nur für uns, wo man vielleicht ein paar Informationen hätte austauschen können. Ich stimme ihm zu und frage, was man denn nun so im Nachhinein daran ändern könne. Ein weiteres Date, ohne den ballastreichen Anhang, schlägt er vor. Ich stimme zu und frage wann und wo?

„Jetzt sofort!“

Oha. Er ist spontan und ich bin an einem Sonntagmorgen weit davon entfernt auszusehen, als wollte ich das Haus verlassen. Er meint, ich soll in Jogginghose kommen, das ist eh viel bequemer, als sich in irgendetwas hineinzuzwängen, was man am Ende eh wieder ausziehen wird. Bin mir nicht sicher, ob dies eine Doppeldeutigkeit hat. Bin mir außerdem nicht sicher, ob er es ernst meint. Wenn ja, bin ich verliebt.

Diese sonntägliche Zeit schreit ja förmlich nach Brunch, was außerdem seine Brunch-Gier befriedigen würde. The best of both worlds. Wer liebt Brunch nicht? Wer kann es sich entgehen lassen, drei bis vier Stunden irgendwo herumzusitzen und so lange zwischen süß, salzig, herzhaft, warm und kalt zu wechseln, bis man aus dem Laden gerollt werden muss? Ich bremse ihn in seinen literarischen Ergüssen, bevor wir das Brunchfenster noch verpassen. Er gibt mir Recht, die Situation ist ja schließlich dringlich.

Treffen in einer Stunde in einem seine Lieblingsläden. Der Mann hat mehrere lieblingsladen zum Brunchen?! Ich weiß einfach nicht, was ich davon halten soll?

Kurz überlege ich, wirklich in Jogginghose zu kommen, nur um sein Gesicht zu sehen. Aber nein, ich zwänge mich lieber in etwas unbequemes, nur um es nachher wieder auszuziehen.

Wir treffen uns also eine Stunde später und brunchen. Ich komme nicht umher zu bemerken, dass ich mich ein wenig wohl fühle in seiner Gegenwart. Clemens hat so etwas Einfaches. Nicht, dass er einfach gestrickt ist, sondern vielmehr unkompliziert. Er macht sich über bestimmte Dinge einfach nicht zu viele Gedanken und fährt damit eine sehr glückliche Schiene im Leben, zumindest macht es den Eindruck.

Wir sitzen sechs Stunden beim „brunchen“. Nur, dass es irgendwann nichts mehr zu essen gibt. Halb so schlimm, ich konnte ohnehin nur noch rollen und so bleiben wir einfach sitzen, nehmen wartenden Gästen den Platz weg und verstehen uns prima.

Noch nie hatte ich nach einem Date einen so dringlichen Wunsch jemanden wiederzusehen. Als ich zu Hause angekommen bin, wollte ich gerade ganz verrückt und spontan sein und ihm sofort schreiben. Aber er war schneller. Ich sehe ein Foto von einer Portion Pommes. Dazu: „Ich fühle mich schlecht. Die Pommes sahen so gut aus und nun muss ich auf der Couch sterben. Einzig und allein ein bisschen Pflege könnte noch helfen?!“

Zuerst komme ich aus dem Lachen nicht mehr raus. Kurze Bedenkphase. Aber warum eigentlich nicht? Man muss schließlich auch mal spontan sein. Also schnappe ich mir meine Sachen und mache mich wieder auf.

Back To Top