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Das Unbekannte

Letzte Woche klingelt es an meiner Tür. Als ich aufmache und in den Flur schaue, stehen zwei Männer und eine Frau vor mir. Große braune Papierumschläge in der Hand und ein freundliches Lächeln im Gesicht. Einer der Männer gibt mir die Hand und stellt sich als Polizist der Kripo vor. Mein Hirn denkt: „Oha, was hab ich angestellt?“ Ich kann mich gerade noch davon abbringen laut zu rufen: „Ich war es nicht, ich schwöre!“

Aber nein, sie haben einen Durchsuchungsbefehl für die Wohnung über mir, können dort aber niemanden anfinden. Da sich aber im Schuh vor der Wohnung der Ersatzschlüssel befindet, können die Beamten die Wohnung öffnen und betreten, brauchen für diesen Vorgang aber einen Zeugen. Und da ist die Wahl auf mich gefallen. Kein Wunder, ich sehe ja auch äußerst vertrauenswürdig aus. Außerdem liebe ich es in Wohnungen anderer Menschen herumzuschnüffeln.

Wir betreten also die Wohnung und es riecht nach Katzenfutter. Ich sehe allerdings keine Katzen. Die Beamten machen sich mit ihren braunen Papiertüten auf die Suche nach beweisen und ich stehe eigentlich nur ziemlich blöd in der Gegend rum und warte darauf, dass die drei fertig werden. Beim Rumstehen kommt mir jedenfalls der Gedanken, dass man seine Nachbarn wirklich nicht kennt. Die Wohnung, die hier gerade durchsucht wird, gehört einem Mann Mitte 40, der mich immer nett grüßt und ab und zu auch ein Pläuschchen hält. Was genau er nun getan haben soll, weiß ich nicht, wenn es aber für einen Durchsuchungsbeschluss reicht, kann es wohl keine Lappalie sein. Mir wurde jedenfalls noch nie für ein Parkticket die Wohnung auseinander genommen.

Als ich wieder in meiner Wohnung stehe, will ich Clemens anrufen, um ihm von diesen wahnsinns Neuigkeiten zu erzählen. Ich halte mein Handy in der Hand und denke viel zu lange darüber nach, ob er überhaupt Zeit und Lust hat mir zuzuhören, ob er überhaupt ran geht oder ob er mal wieder einfach sein Handy aus hat.

Seit unserem letzten klärenden Gespräch, ist der Kontakt etwas rar geworden. Gesehen haben wir uns seitdem nicht mehr. Eine Woche ist es jetzt her. Ich glaube er ist überfordert mit der Situation. Mit einer Situation, die Anforderungen an ihn stellt. Ich habe ihm gesagt, dass ich die Situation, wie sie ist, als nicht haltbar betrachte. Dass ich dieses ständige hoch und runter nicht auf Dauer ertrage und so nicht weitermachen will und kann. Da Konfrontation nicht seins ist, geht er seitdem einfach auf Abstand und gibt auch seine Meinung nicht Preis. Er will scheinbar einfach nicht darüber reden. Nicht über seine Ex. Nicht über die Trennung. Nicht darüber, was es ist, das ihn in eine solch eingeigelte Position gebracht hat. Ich habe längst verstanden, dass ich ihn da nicht rausholen kann, wenn er nicht von alleine auf die Idee kommt, dass dies auf Dauer nicht sein Leben sein kann.

Also lege ich mein Handy wieder weg und rufe ihn nicht an. Ein wenig Zeit sollte ich ihm wohl lassen. Vielleicht kommt er ja von alleine rum. Anstelle dessen rufe ich meine Schwester an, denn die ist immer für Klatsch und Tratsch über Nachbarn zu haben und geht auch immer ans Telefon.

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